Multifaktorielle Anlagemodelle erklären die Rendite einer Anlage nicht aus einer einzigen Eigenschaft, sondern aus mehreren gleichzeitig. Statt nur auf den Buchwert oder nur auf den Kurstrend zu schauen, kombinieren sie verschiedene Faktoren, die historisch mit Über- oder Unterrenditen einhergingen. Die Frage ist dabei weniger, ob ein einzelner Faktor funktioniert, sondern wie mehrere Faktoren zusammenwirken und wie stabil diese Wirkungsweise über Zeit bleibt.
Was ein Faktor ausmacht
Ein Faktor ist eine messbare Eigenschaft, die systematisch mit künftigen Renditen zusammenhängt — nicht zufällig, sondern in einer Weise, die sich über längere Zeiträume und verschiedene Märkte beobachten ließ. Drei Merkmale unterscheiden einen belastbaren Faktor von einer bloßen Datenregelmäßigkeit:
- Robustheit über Zeit — der Zusammenhang zeigt sich in unterschiedlichen Jahrzehnten, nicht nur in einem.
- Übertragbarkeit — er ist in mehreren Märkten und Anlageklassen nachgewiesen, nicht nur in einem Land.
- ökonomische Plausibilität — es gibt eine Erklärung, etwa Risikoprämie, Struktureffekt oder Verhaltensneigung, die den Zusammenhang begründet.
Die klassischen Bausteine
In der Praxis tauchen immer wieder ähnliche Gruppen von Faktoren auf. Value misst Unterbewertung über Verhältnisse wie Buchwert-Kurs oder Gewinn-Kurs. Momentum hält an bestehenden Trends fest und nutzt die Beobachtung, dass Titel mit positiver Kursentwicklung diese Tendenz oft eine Weile behalten. Quality filtert nach Rentabilität, Verschuldung und Gewinnstabilität. Low Volatility stellt auf geringere Schwankung ab, die historisch oft mit einem günstigeren Risiko-Rendite-Verhältnis einherging. Size und Liquidität erfassen Größen- und Handelseffekte, die vor allem kleine oder illiquide Titel betreffen.
Warum mehrere Faktoren zusammenwirken
Ein einzelner Faktor kann über Jahre schlechte Phasen durchleben — Value etwa verlor über lange Strecken, Momentum brach in Wendepunkten ein. Wer mehrere Faktoren kombiniert, sucht nicht nach dem jeweils besten, sondern nach einer Mischung, die Schwächen des einen durch Stärken des anderen ausgleicht. Das Zusammenspiel, nicht der einzelne Baustein, bestimmt das Verhalten des Modells.
Wo KI ins Spiel kommt
Klassische Faktoren beruhen auf wenigen, gut beschreibbaren Kennzahlen. KI-gestützte Verfahren erweitern das Spektrum: Sie können aus großen Datenmengen zusätzliche Signale gewinnen, etwa aus Marktstimmung, Texten von Unternehmensmeldungen oder unregelmäßigen Mustern in Handelsdaten. Die Beiträge dieser Reihe behandeln, wie solche Verfahren die Faktor-Auswahl ergänzen — und wo sie an Grenzen stoßen. Der nächste Beitrag betrachtet, wie ein Modell Faktoren überhaupt auswählt und gewichtet.